These zu sozialen Medien und radikaler Gewalt

07 Jul, 2020

In den letzen Wochen steigen sowohl die Reichweiten der kritischen Beiträge in sozialen Netzwerken zur Politik in der Pandemie, als auch zur Gewalt und Verstößen gegen Allgemeinverordnungen. Im folgenden Beitrag wird eine These aufgestellt, auf deren Widerlegung ich gespannt bin.

Wo sind wir hingekommen? Den gestrigen Schlagzeilen konnte man entnehmen, dass in Frankreich ein Busfahrer Hirntot geprügelt wurde, weil er keine Fahrgäste ohne Mund-Nasen-Bedeckung (MNB) befördern wollte. in Nordhausen wurde ein Tankstellengast attackiert, nachdem die Mitarbeiterin auf die MNB-Pflicht hingewiesen hat. Die Täter und Opfer waren jeweils einfache Bürger und scheinbar keine organisierten Kriminellen, Rechts- oder Linksgewalttäter. Wobei die Opfer den Allgemeinverfügungen folgten und die Täter eben diese Allgemeinverfügungen ablehnen. Damit richtete sich die Gewalt nicht direkt an die „Obrigkeit“, sondern gegen einfache Mitmenschen, Angestellte und Arbeitnehmer ohne einen direkten Bezug zu den verantwortlichen Behörden.

Wenn man in den vergangenen Wochen aufmerksam in den sozialen Netzwerke und Foren unterwegs war, konnte man eine relativ rasante Entwicklung der Radikalität in Äußerungen verfolgen. Interessanterweise lassen sich, zumindest aus meinen Erfahrungen, keine Zuordnungen zu einem bestimmten politischen Spektrum treffen.

Was mir allerdings auffällt ist, dass man nach der Suche zu bestimmten Äußerungen und dem Anschauen von bestimmten Videobeiträgen in den darauffolgenden Tagen mehr und mehr Inhalte zu der gleichen Thematik als „automatisch“ generierte Empfehlung erhält. Insbesondere erhält man vermehrt weitere Kommentare von handelnden Personen, deren Beiträge man gelesen hat.

Richteten sich die ersten Beiträge explizit noch gegen z.B. die Bundeskanzlerin oder verunglimpften den Bundesgesundheitsminister mit vielen „Daumen nach oben“, so entwickelten sich die empfohlenen Beiträge spürbar weiter in Richtung „Ungehorsam“ und „Widerstand“, gespickt mit abenteuerlichen Argumentationen z.B. zur Gesundheitsrisiken der MNB-Pflicht, Unnötigkeit der MNB-Pflicht bei niedrigen Infektionszahlen und dem Glauben an ein abruptes Verschwinden des Virus in relativ kurzer Zeit. In diesem Zusammenhang erhält man fast schon den Eindruck einer schrittweise Konditionierung in Form einer „Handlungsanweisung“.

Wenn man sich mit der Wirkungsweise von Zielgruppen- bzw. Milieumarketing auskennt, merkt man relativ schnell, dass die Algorithmen zur Anregung von Konsumbedürfnissen auch in der Lage sind ganz andere Bedürfnisse zu befördern und Handlungsimpulse zu setzen. Dabei scheint der Algorithmus nicht in der Lage zu sein zwischen der wiederholten und stärkeren Einblendung von Bedürfnis/ Befriedigung und Problem/ Lösung unterscheiden zu können. Eben diese Schwachstelle bzw. teilweise auch Ausnutzung führt zu einer überaus starken Wiederholung/ Animation zum Handeln sowohl für den Erwerb eines Gutes, als auch Handlung in einer bestimmten Umstand.

Was aus meiner Ansicht diese Mechanismen so gefährlich macht, ist das Unvermögen von Algorithmen zwischen moralisch guten und schlechten Handeln zu unterscheiden bzw. überhaupt eine Einschätzung zu dem möglichen Folgen bei der Auslieferung von Inhalten zu berücksichtigen. In diesem Zusammenhang halte ich die derzeit eingesetzten Verfahren für überaus gefährlich. Weil Sie eben schrittweise Filterblasen erzeugen und der empfängliche Nutzer ohne es zu merken in jede Richtung „radikalisiert“ werden kann. In diesem Zusammenhang bringt es auch aus meiner Sicht wenig, gezielt Inhalte zu überprüfen, zu zensieren bzw. zu löschen.

Der Algorithmus im Hintergrund stellt das Hauptproblem dar, weil er auf die Verbreitung von Inhalten zum Konsum bzw. Markterschließung ausgelegt ist, aufgrund seines Aufbaus ein wirtschaftliches Geschäftsmodell verfolgt und eben nicht ein Mittel zur Entwicklung und Partizipation der Gesellschaft ist.

Im Gegensatz dazu hat die Aufklärung den Menschen beigebracht selbst zu recherchieren, ihren Verstand zum hinterfragen zu einzusetzen und selbst tätig zu werden in der Wissenserlangung und dem sozialen/ politischen Handeln.

Daher meine These: Eine Gesellschaft die den Pfad der Aufklärung zugunsten der Verklärung und Meinungsaufbereitung durch Algorithmen verlässt, ist anfälliger für die Entwicklung von gewaltigen und moralisch fragwürdigem Handeln, gerade in Krisensituationen.